Artikel

Schauplatz einer verlorenen Generation : flieg hoch Kelebek!

KOLLEKTIVTÄTER

Von und mit Yiğit Sertdemir Regieteam Özgür Tanık, Semah Tuğsel, Gülhan Kadim, Yaman Ömer Erzurumlu, Onur Tuna Bühne und KostümGamze Kuş Musik Onur Kahraman 

Wir kommen rein und sehen uns selbst auf einer Leinwand. Wir werden gefilmt. Im Dunkeln steht der Schauspieler Yiğit Sertdemir und filmt uns von der Seite der Bühne, die mit einem Absperrband tatortgleich eingegrenzt ist. Er stellt die Kamera auf ein Stativ, filmt nur seine Hände. Sie reiben sich. Lassen sich los. Verhalten winkt die eine zum Abschied. Das Bild auf der Leinwand zeigt danach Interviewsequenzen. Wieder sieht man nur die Hände von alten oder jungen Menschen. Wir sehen reingeschnittene Bilder vom Militärputsch 1980, der den Kurdenkonflikt mit zahllosen Hinrichtungen weiter anheizte und bis heute die Machtstrukturen in der Türkei bestimmte. Diese Interviewsequenzen tauchen während des Stückes immer wieder auf. Einer spricht von einer verlorenen Generation. Und das ist, im  Angesicht der Tatsache vomTaksim- und Gezi-Park so dermaßen aktuell, dass einem das Blut in den Adern gefriert.

Yiğit Sertdemir liegt am Boden, nimmt Todesopferpositionen ein. Mals um sich selbst herum einen weißen Kreidestrich. Errichtet sich eine Gedenkstätte mit Kerzen, roten Rosen, streut rotes Pulver in den Kreideleib. Lässt Wasser darauf, bedeckt das entstandene Blut mit einer Kreuzworträtsel-Zeitung, deckt den ganzen Leib damit ab. Mit Wut und Wucht wird dieser Tatort wieder demontiert, und auch die Kunstblutreste mit Kreuzworträtseln weggewischt.

Ein Gedicht wird an die Leinwand gebeamt. Ein Gedicht, das von einem Schmetterling handelt. Und das beim Schreiben zensiert wird. Wo es eben noch hieß: Flieg hoch hinaus, wird gelöscht und neu angesetzt mit: Bleib schön auf dem Ast sitzen.

Plötzlich hat Yiğit Sertdemir eine Papiertüte über dem Kopf und wir sind mit ihm in einer Talkshow. Klatschen! steht an der Leinwand. Wir hören Applaus. Es spricht der Kollektivtäter zu uns aus der Tüte. Und schon werden wir in die nächste Situation geworfen: Sertdemir wird zum Seminarleiter, der uns beibringt unsere Gedanken zu manipulieren und wegzusehen. Ruhe bitte! Teschekür Ederim. Wieder wendet sich nach der Sequenz das Blatt und wie sehen einen jungen Mann, der sich selbst filmt. Er legt ein Geständis ab: Ja, ich habe meine Schwester getötet, weil die sich verliebt hat, ich habe den ersten Stein geworfen, als meine Schwester vergewaltigt wurde, ich habe meine Frau geschlagen, wir behandeln Frauen schlechter als unsere Rinder… Ein ganzes Kollektivtätergeständnis wird da losgelassen, doch dann klingelt das Handy, die Freundin ist dran: Man ich mach gerade die Aufnahmen mit dem Frauenkram… Ja, das mit den Rindern habe ich auch gesagt… Bis später Bussi ja ich ich auch… Er fingert sich Tigerbalsam aus der Tasche schmiert es sich unter die Augen: Tränen bahnen sich an, er filmt sich weiter. 

Sertdemir kommt als Nummer 118 zum Casting, eine Szene aus einem Film will er vorspielen. Was er von Beruf sei: Er habe Geschichte studiert auf Lehramt. Aber nicht abgeschlossen, weil bei der Abschlussprüfung die richtigen Antworten nicht unter den möglichen Lösungen waren… Dass er ein Verlorener sei, sagen die Caster, und da platzt es aus der schüchternen Nummer 118 raus. Ein Schwall der Empörung ergießt sich über die Bühne. Aus der Regieloge dringt Applaus. Es hat gefallen. Wirklich fragt er schüchtern?

Es folgt ein Abschiedsbrief. Wir sehen wieder das am Anfang gefilmte Publikum.  Wieder eine Hände, die sich verabschieden. Eines Tages wird jeder für 15 Minuten ein Mensch sein. Es ist vorbei. Applaus.

Genau jetzt auf dem Gezi-Platz sind die Leute Menschen. Sie kämpfen für ein humaneres Leben in ihrem Land. Arzt und Arbeitsloser stehen Seite an Seite. Und man möchte sagen: Haltet durch. Flieg Schmetterling, flieg Kelebek, steig in den Himmel und bleib nicht auf dem Scheißast sitzen und halte nicht deinen Mund. Halte durch. Halte durch. Drengezi.

Es schaute für euch
eure
Kelebek-Frau Niagara Kate