«Kein Viet-Cong nannte mich jemals Neger !»
De Dieudonné Niangouna Avec Etienne Minoungou Mise en sène Jean Hamado Tiemtoré Production Compagnie Falinga
Nach dem Theaterabend stehe ich vor der Bananenfabrik und diskutiere mit einer schönen Frau über das Stück, das eigentlich von der Wut über die stereotypisierung der Schwarzen handelt. Wir diskutieren darüber, ob diese Stereotypen heute überhaupt noch funktionieren in einer globalisierten Welt, wo der Konzern, der die Metalle für unsere hübschen Smartphone im Kongo abbauen lässt, und dessen Shareholder vielleicht gutverdienende schwarze Amerikaner sind. Wir fragen uns, ob alle unsere Grenzen, die sich an Territorien und somit an Nation, an Hautfarbe und Herkunft knüpfen nicht längst hinfällig geworden? Ist nicht die einzige Grenze die Verteilung des Kapitals? Da jedenfalls hat uns das Stück M´appelle Mohamed Ali hingetragen…
Aber was war zu sehen?
Auf der Bühne ist mit weißen Klebeband ein Quadrat abgeklebt, der Boxring, in den der Schauspieler Etienne Minoungou, immer wieder steigen wird. In der Ecke des Rings steht ein Hocker und eine Wasserflasche. Ein Stuhl steht zentral unter dem ein Beutel Orangen liegt. Und eine Kleiderstange.
M´appelle Mohamed Ali das Stück von Diedonné Niangouna, der es in der afrikanischen Theaterlandschaft und auch in Europa zu einigem Ruhm gebracht hat, ist der Monolag eines Schauspielers, der sich auf verschiedenen Ebenen an uns wendet. Zum einen spricht Etienne Minoungou, der Schauspieler, der zu Beginn auch mit uns im Publikum sitzt und von dort aus sein Stück startet. Seine Mutter ist gestorben und sagte zu ihm er sei ein Kämpfer. Wie nun auf die Bühne gehen. Etienne Minoungou wehrt sich gegen die Stereotypisierung eines schwarzen Schauspielers auf der Bühne.
Zum anderen, betritt er den Ring, springt er in Erinnerungen oder Geschichte hinein, die sich massiv an der Biografie des Boxers Mohamed Ali orientiert, dem 1967 der Weltmeistertitel aberkannt wurde, nachdem er sich weigerte, Wehrdienst zu leisten um einen Krieg zu führen, den er nicht führen wollte: „Nein, ich werde nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen.“ Mit dieser Haltung wurde Mohamed Ali zum Idol der Afroamerikanischen Bewegung und zum Hoffnungsträger vieler unterdrückter Völker. Dass er sich den Titel 1974 bei dem berühmten Kampf in Kinshasa zurückeroberte hebt ihn für viele in einen gottgleichen Status.
Uns wird aufgezeigt wie tief in unserer Sprache verwurzelt Wertungen versteckt sind, wie tief sich Bedeutungen eingeschlichen haben. Alles angeblich Schöne weiss und alles angeblich Bedrohliche schwarz ist.
Immer wieder unterbricht Etienne sein Spiel, begehrt auf, spricht uns direkt an. Macht Witzchen. Schlüpft in Positionen, Perspektiven, schält sich eine Orange, macht ein paar Boxmoves, erobert sich die Bühne wie ein König mit unglaublicher Präsenz. Und dann kapert er Batman, den Superhelden und lädt ihn mit neuer Bedeutung auf. Und irgendwann fällt der Satz “Afrique, c´est la future” und das freut mich diese Perspektive.
Zwischendurch ist mir manchmal nicht mehr klar, wo er jetzt hin will, und alles ist vielleicht noch etwas zu ausführlich und die Brüche noch unausgeglichen, aber gestern war ja auch die Uraufführung. Das darf so. Applaus.
Es schaute für euch
eure
Niagara Kate
