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Ich war eine Stiefmutter - ein Interview mit Florence Minder

Okay. Ich gebe zu: Es war eher ein Gespräch, das sich da mit der in Brüssel lebenden Schweizerin Florence Minder entwickelt hat. Vor allem, weil wir uns sehr gut inspirieren können. Mir hatte ihre Produktion “Good Mourning” so gut gefallen. An den üblichen Fragen haben wir uns aber trotzdem entlang gehangelt. Das hier ist stark gekürzt.

Niagara Kate: Florence, ich stelle allen Interviewpartnern die selben Fragen, um soetwas wie einen roten Faden zu haben.
Florence Minder: Okay.
Niagara Kate: Marx oder Gandhi?
Florence Minder: Gandhi.
Niagara Kate: Dein erstes Mal in Luxemburg?
Florence Minder: Zweites.
Niagara Kate: Wenn du Luxemburg mit einem Wort beschreiben müsstest?
Florence Minder: sie denkt Ein Wort? Hm. Wie sagt man das: Unvorhersehbar.
Niagara Kate: Und Bruxelles mit einem Wort?
Florence Minder: Unprätentiös.
Niagara Kate: Und Lausanne, wo du geboren bist?
Florence Minder: Schief. So: macht eine schräge Hand
Niagara Kate: Bergauf?
Florence Minder: Ja.
Niagara Kate: Hast du einen Herzenswunsch?
Florence Minder: Ich möchte eine zweite Show machen. Nein Quatsch, das ist kein Wunsch. Also eigentlich gibt es da nur zwei Optionen: Entweder ich werde eine kraftvolle (actually she said powerful) Künstlerin, und es ist komisch, dass ich gerade powerful gesagt habe. Oder, auf einer persönlichen Ebene: Ich adoptiere ein Kind. Ein Kind das von sehr weit weg kommt. Darüber phantasiere ich, seitdem ich klein bin. Ich glaube, dass in dieser Beziehung etwas sehr Humanes liegt. Eine Herausforderung. Vielleicht habe ich einfach auch nur den Wunsch mich in schwierige Situationen zu bringen. 
Niagara Kate: Darf ich fragen warum Adoption?
Florence Minder:  Vielleicht hat das auch mit der Sprache zu tun. Meine Mutter ist Deutsche und wir sind im französischen Teil der Schweiz aufgewachsen. Sie hat mit mir nie Deutsch gesprochen. Auf Französisch hatte sie aber keine Geschichten, keine Familienanekdoten, alles das, was emotional verknüpft ist, war nicht mit dem Französischen verbunden, so kam es, dass wir einen sehr diplomatischen Sprachumgang miteinander hatten. Und vielleicht interessiert mich das auch bei der Adoption, dass man da etwas zusammen entwickelt, einen gemeinsamen Raum. Eine Beziehung. Ich war mal eine Stiefmutter. Und dieses Wort ist echt schlimm: Stiefmutter, aber es gibt kein gutes Wort dafür, in keiner Sprache, es ist an der Zeit, dass wir ein neues Wort dafür erfinden: Mit einem Kind zu leben, das nicht dein eigenes ist. Also heutzutage haben ja viele Menschen nach einer Trennung mit Kind wieder neue Beziehungen. Wie geht man damit um, wenn dann diese Beziehung endet und man von einem Tag auf den anderen das Kind nicht mehr sehen darf, weil man nicht die leibliche Mutter ist von dem Kind, mit dem man vielleicht über Jahre ein gutes Verhältnis aufgebaut hat, zack vorbei von einem Tag aus den anderen. Aber zurück zum Wunsch. Ich glaube ich sage: Ich möchte mit Menschen Beziehungen eingehen. In der Lage zu sein, mit anderen zusammenzuarbeiten.
Niagara Kate: Warum hast du dir den Beruf ausgesucht?
Florence Minder:  Ich habe schon sehr früh angefangen Schauspielunterricht zu nehmen. Mit 5 Jahren. Ich hab einfach nie mehr aufgehört. Ich war dann in einer Jugendgruppe, mit 18 in Genf dann in einem Vorbereitungskurs, dann habe ich in Frankreich die Aufnahmeprüfungen gemacht und bin überall in der ersten Runde rausgeflogen. Danach war ich in New York und als ich wiederkam dachte ich mir, gut, dann versuchst du es eben noch in Belgien, und zack, es hatte geklappt. Da hab ich dann 4 Jahre studiert. Ich mag gerne auf der Bühne sein. Es fühlt sich einfach richtig an. Für mich ist das auch ein Ort, wo ich die Wahrheit sagen kann. Ein Raum, um Wahrheit anzuerkennen. Ich brauche definitiv mehr shows. In Good Mourning zeige ich meine neue Identitätsschöpfung durch eine neue Sprache. Als es mir sehr schlecht ging, hatte ich das Gefühl, dass ich Französisch nicht mehr sprechen kann, ohne an das Alte gebunden zu sein. Also habe ich mich neu erfunden und nur noch Englisch gesprochen.
Niagara Kate: Wie? Also dein ganzes Sprachleben umgedreht? Auch privat?
Florence Minder:  Ja. Es ging mir so schlecht, dass ich das gebraucht habe. Eine Neuerfindung meiner selbst. 
Niagara Kate: Was ist dein Lieblingsort?
Florence Minder:  Es sollte ein Ort sein, der sich bewegt, oder von Bewegung zeugt, ein Flughafen. Flugzeug, Zug. Bahnhof. Es muss aber so sein, dass ich gehen werde, also nicht gerade angekommen bin. Oder ein Hotel. Eigentlich ist das mein Wunsch: In einem Hotel zu leben. Ich mag es, wenn die Dinge da neu und frisch sind, wie ich es auch in Good Mourning gesagt habe. 
Niagara Kate: Was liebst du?
Florence Minder: überlegt sehr lange, dann Auf jeden Fall Natur. Seen. Etwas von Grund auf zu erschaffen.
Niagara Kate: Und was ist dein Lieblingsgetränk?
Florence Minder:  Sprudelwasser.
Niagara Kate: Florence, Danke.
Florence Minder: Bitte.

Platzhalterfoto, bis ich sie fotografiert habe, das hab ich Depp vergessen: