Article

Occupant - ein Tanz in den Ruinen der Optik

OCCUPANT, 4ème Mouvement

Chorégraphie Jonah Bokaer, Avec Tal Adler-Arieli, Scénographie Daniel Arsham, Music, Echospace, Riyoji Ikeda

Ich bin alles andere, als eine Tanzspezialistin. Ich kenn mich echt so Null aus. Kann keine Techniken unterscheiden, keien Stile heraussehen. Ich kann nur beobachten, was ist:

Stufe I

Einlass. Irgendwie ist sofort klar, dass das jetzt abstrakt werden wird. Der Raum ist und spärlich von blauem Licht beleuchtet. Auf dem Boden liegen verteilt etwa 20 weiße Gipsabgüsse von Kameraobjekten. Veraltete Technologie, Relikte aus dem 20. Jahrhundert, eine kleineRuinenlandschaft ist da aufgebaut: Super8-Kameras, Filmrollen, eine Hasselblad kann ich erkennen, Objektive. Die Zuschauer sitzen sich gegenüber, dazwischen dieser Raum.

Es wird dunkel. Ein Piepen erfasst den Raum in Regelmäßigkeit, er wird sich zur Soundfläche entwickeln, die Elemente aus vergangenen Tagen zu beherbergen scheint: Das Knacken der Nadel auf Vinyl meine ich herauzuhören. Der Tänzer Tal Adler-Arieli, ganz in weiß gekleidet, bewegt sich langsam vom Regiepult aus zur echten Kamera hin, die wohl den Abend mitschneiden soll. Eine Notwendigkeit, es ist schließlich eine Uraufführung, die will man mitgeschnitten haben, und das ist intelligent mit eingebaut als Vorgang.

Aus kleinen sehr genauen Bewegungen, die in scheinbarer Beiläufigkeit geschehen, wie etwa das Fassen des Podestgeländers, entwickelt Tal Adler-Arieli eine eingene Körperlichkeit, mit der er sich den Raum erobert. Einen Raum, der (schon) belegt ist mit den Gipsobjekten. Scheinbar zufällig stößt er auf die einzelnen Teile, mit einer herzerweichenden Unschuld, einem Kind gleich, nimmt er die Objekte auf, spielt mit ihnen, legt sie wieder ab. Und das ist durchaus humorvoll, wenn er die Super8-Kamera aufnehmen will, und auf einmal nur den Griff in der Hand hält, und ihn ans Objektiv der Kamera wieder anlegt. Darin liegt so viel Unschuld verborgen. Als gäbe man einem Kleinkind etwas in die Hand. Durch jede  Bewegung im Raum, scheint er zu lernen, sein Repertoire immer weiter zu entwickeln…

Diese Stufe endet mit einem Text, den Tal Adler-Arieli auf Hebräisch spricht, ein Auszug aus Edward Albees Theaterstück: Occupant, das er 2002 geschrieben hat. Das habe ich im Programmheft hinterher nachgelesen.

Stufe II

Der Text stellte für mich eine Bruchstelle da: Sowohl auf der Soundebene, die jetzt digitale Geräusche mit einbezieht, Töne, die an an frühe Computerspiele erinnern. Als auch auf der Zusammenwirkungsebene von Sound und Licht. Und natürlich auf der tänzerischen Ebene. Tal Adler-Arieli scheint nun den Raum zu kennen, er weiß, wo die Objekte liegen, tanzt sich mit Präzision durch diese Ruinenlandschaft, ständig ein Bewegungsrepertoire erweiternd. Wir sehen jemandem zu, der seine Unschuld an das Wissen verliert.

Stufe III

Der Raum ist erforscht, Objekte werden aus dem Weg geräumt, sie stören die immer größeren, ausladenden Bewegungen, die Platz brauchen, jegliche Zartheit im Umgang mit den Gipsabgüssen ist verflogen. Die Dinge werden sich genommen, mit Wucht eingebaut in einzelne Tanzsequenzen, die darin Gipfeln, dass eine Gipskamera mit Gewalt auf den Boden geworfen wird. Ende aus die Maus. Applaus.

Dieses Tanzstück ist so abstrakt und licht und durchlässig, ich verstehe sofort, dass der Choreograph Jonah Bokaer mit Robert Wilson zusammengearbeitet hat…

Dieses Stück muss man sich als Zuschauer erarbeiten, ersehen, man bekommt hier nix Lautes Aufdringliches, Vorgekautes in den Mund geschoben, man muss die Aufmerksamkeit für das Kleine mitbringen, um es für sich zu knacken.

Es gibt Interpretationsfläche in alle Richtungen, ich glaube, da kann jeder seine Variante draus machen, ich habe versucht, zu beschreiben, was ich gesehen habe. Der Tänzer Tal Adler-Arieli hat eine Gabe, die man selten auf der Bühne findet, aber wenn man sie sieht, ist man sofort verzaubert, weil man diesen Zustand nicht herstellen kann ohne es zu sein: Unschuldig. 

Niagara Kate applaudiert und verneigt sich.