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Warrior of Beauty II - ein Abgerackere im Zirkus

De et avec Sylvia Camarda Dramaturgie Natalia Ipatova Collaboration artistique Jean-Guillaume Weis, Jérôme Konen, Steve Karier CostumesLaurie Lamborelle Arrangement musical Emre Sevindik

Wie unterschiedlich Tanz sein kann, hätte man besser nicht zeigen können, wie gestern Abend, als nach Occupant Sylvia CamardasWarrior of Beauty zu sehen war.

Während Occupant eher fein daherkommt, haut Sylvia Camarda richtig auf die Kacke. Mit Pauken und Trompeten und Pantomime rackert und schuftet sie sich vor uns ab. Von ihrem Körper geht eine stählerne Härteaus. Durchtrainiert bis in die letzte Zelle wirk sie fast schon maskulin, schwebt zwischen den Geschlechtern, verkörpert ARBEIT: Man möchte sie in den Arm nehmen und sagen: Es ist gut, ruh dich aus. Mach mal Pause. Es ist vorbei. Jetzt hast du Urlaub. Man möchte ihr mit irgendwas Weichem begegnen. Etwas Trostspendendem. 

Okay. Was war zu sehen? Der Bühnenraum frontal, er erinnert an einen Zirkus, in der Bühnenmitte steht ein Stuhl, neben ihm liegen Krücken und stehen 2 Paar Stöckelschuhe. Hinten links ist ein kleiner Schminktisch aufgebaut, an einer Kleiderstange hängen unterschiedliche Kostüme, davor Schuhe mit beängstigend hohen Absätzen. Wenn ich 20cm sage, it das nicht übertrieben. Vorne links steht noch ein Stuhl seitlich zum Publikum.

Prolog

Es Beginnt mit Applaus, eine Diva winkt ihrem Publikum zu, kaum dass der Vorhang fällt, fällt auch sie. Windet sich am Boden, scheint unsägliche Schmerzen zu haben, rappelt sich mühsamst auf, schleppt sich zur Garderobe, wickelt sich aus dem Kostüm, zieht sich einen BH an, macht sich die Haare, zündet sich eine Zigarette an, dreht sich zu uns um. Sie hat es überlebt. Wieder einmal. Und wir sehen: sie hat Bandagen an den Hüften, ihr Körper eingezwängt in eine Art Oma-Leberwurstpellen-Unterhose, die den Bauch und den Po strafft. Sie setzt sich auf den Stuhl in der Bühnenmitte. Posiert.

Akt 1-5

Kaum hat sie sich einigermaßen wieder hergerichtet, ihre Beine tragen sie wieder, steigt sie auch schon in das erste Paar Pumps (es werden noch einige folgen und die Absätze werden immer höher) und tanzt einen Walzerdingensgelöt, schwupp sind die Schuhe abgeworfen und gleich die nächsten an den Füßen. Sie tanzt, tanzt, tanzt sich in Ekstase, bis auch dieses Paar von den Füßen fällt.

Es folgt eine Begrüßungs-Socialising-Performance auf zackomat 20cm Abätzen und im Frack. Pantominisch werden Hände geschüttelt, Blumen entgegengenommen, Schnäpse gekippt, Zigaretten geraucht, immer furioser, immer aggressiver, bis daraus ein Tanz bar jeder Höflichkeiten entsteht. 
(Eigentlich habe ich ja eine Pantomimen-Allergie, also kaum ist das auf der Bühne, kommen mir Pierrot-Gedanken und ich möchte eigentlich den Saal verlassen, aber was Sylvia Camarda da hinknallt ist so wuchtvoll, dass ich es glatt verpasse, eine Allergie zu bekommen.)

Als auch diese Schuhe zertanzt sind, kommen die nächsten Stöckelteile dran: Eine Schickse fährt Auto, rührt sich die Gänge rein, tankt und kann nicht bezahlen, Busen raus Hand auf, da wird sich doch jemand finden für ein paar Kröten. Nein, findet sich nicht. Vorm Spiegel wird der Körper inspiziert, der nichts mehr einbringt, zu dick, die Brüste hängen, der Po auch, da wird amazonengleich bandagiert, und ab in den Fitnesskrieg. Volle Kraft voraus in die Workout-Hölle, da werden Asanas durchgepowert, Entspannung herbeigepresst, da wird geknüppelt, gekämpft da wird sich abgequält, bis sich Sylvia Camarda mit Prinzessinnenkleid vorm Bauch, ein Erinnerungsrelikt, erschöpft und malträtiert auf dem bühnenmittigen Stuhl einfindet.

Sie posiert im Blitzlichtgewitter, will aufstehen, aber die Beine machen nicht mehr mit, mit letzter Kraft werden Krücken in Siegespose hochgereckt, der berührendste Moment im Stück, helfen Krücken zu einem letzten Krüppelgang, bevor es wieder raus geht auf die Bühne, das Kostüm vom Beginn wird angefummelt, der Applaus kündigt die bevorstehende Vorstellung an.

Epilog

Die Diva tritt wieder auf, in Opernsängerpose, tanzt ihren Tanz, ihren Schmerz verbergend. Ich denke an die kleine Meerjungfrau von Hans Christian Andersen. Jeder Schritt wie tausend Messerstiche.

Licht aus. Ende. Aus die Maus.

Den Epilog hätt ich jetzt nicht gebraucht. Aber gut. Der Abend wird durch den erbarmungslosen Einsatz von Sylvia Camarda zu einem derben Eindruck, da werden keine feinen Töne gesucht, sondern da wird ein System angeprangert. 
Nur welches eigentlich? Warum Warrior of Beauty II? Warum nicht Warrior of Dance? Und warum gibt es nur Stöckelschuhe auf der Bühne? Man kann es doch auch bequem haben, oder? Zwischendurch mal ein Sneaker ist schnieker. Oder einfach flache Sohlen könnten helfen. Warum gab es da auf der Bühne so gar keinen Ausweg und keine Alternative, als sich an dem männlichem Ideal von Weiblichkeit mit maskuliner Härte abzuarbeiten?

Eine Frage, die sich mir auch stellt, ist, warum Frauen sich so oft aus der Opfer-Perspektive inszenieren? Keine Ahnung.

Steve sagt zu dem Abend: Einmal Fotze quer. Ich sag: Ruckel die Kuh -Blut ist im Schuh. Auch bei Frauen im 21sten Jahrhundert. Leider. Meh.

Es macht für euch das Trikonasana
eure
Niagara Kate